Das Göttliche im Menschen

„Ihr seid Götter“

Seit Jahrhunderten sagt uns die Kirche immer wieder, dass der Mensch in Sünde gezeugt wurde. Aber indem man diese Vorstellung so stark betont und verbreitet, hindert man die Menschen an ihrer Weiterentwicklung. Man schmälert ihre Hoffnung und ihren Wunsch, aus dieser Situation herauszukommen. Sicher, es liegt schon etwas Wahres darin: Der Mensch wird in Sünde gezeugt, weil die Eltern ihren Kindern ein bereits fehlerhaftes Erbgut weitergeben. Auf Grund ihrer Gedanken und Gefühle, die weder lichtvoll noch rein sind, zeugen sie ihre Kinder in Sünde. Aber dass seit Adam und Eva die Erbsünde zwangsläufig von Generation zu Generation weitergegeben werden soll?! Nein! Wenn die Menschen das Licht finden, wenn sie weise, intelligent und rein werden, dann ist es nicht von Bedeutung, dass Adam und Eva einmal gesündigt haben. Alles hat sich verändert, alles hat sich gewandelt. Man sollte den Menschen nicht Ideen eintrichtern, die sie zu weit unten festhalten in Schuld, in Unvollkommenheit, ohne jegliche Hoffnung, eines Tages wieder hoch zu kommen. Man ist ein Sünder, einverstanden, aber man bleibt es nicht gezwungenermaßen für alle Ewigkeit. Es muss eine Weiterentwicklung geben.

Alle Menschen, die nicht wissen, dass sie Kinder Gottes sind, befinden sich auf dem Weg der Enttäuschung und der Mutlosigkeit. Solange sie nicht zu ihrem wahren Ursprung zurückfinden, sind sie Sklaven. Das Schlimmste an dieser Sklaverei ist der Verlust jenes Lichtblickes, dass der Mensch ein Kind Gottes ist. Als Jesus kam, um der Menge diese große Wahrheit zu offenbaren, wurde er gekreuzigt, denn diese Wahrheit wurde dem Volk noch nie offenbart, aus Angst, dass es nicht mehr die von den Pharisäern und Sadduzäern auferlegten Regeln befolgen würde, wenn es seiner Größe gewahr wird.

Jesus war der erste Revolutionär unter den Boten Gottes, der Erste, der gegen alle alten Gesetze verstieß: Er verkündete der Menge diese große Wahrheit und büßte am Kreuz für die Kühnheit, die er hatte, als er sagte, er sei der Sohn Gottes. Es steht doch im Alten Testament geschrieben: »Ihr seid Götter« (Psalm 82,6). Diese Wahrheit wurde absichtlich versteckt, und sie wird es auch heute noch. Unsere Lehre füllt also gewisse Lücken. Sie bringt das Wissen, durch das die Menschen nach und nach verstehen und fühlen werden, dass sie alle Söhne des gleichen Vaters, Gottes sind, und der gleichen Mutter, der Natur, der Universalseele.

Das Gesetz des Lebens heißt Entwicklung. Deshalb sollte sich diese Entwicklung auch im Verständnis der religiösen Doktrinen zeigen.

Im Plan Gottes hat die Form nicht auf ewig Bestand: Sie ist brüchig, vergänglich, sie kann der Macht der Zeit nicht widerstehen. Das Prinzip, der Geist hingegen, welcher der göttlichen Welt angehört, ist unzerstörbar und ewig. Die Menschen, die diese Erkenntnis nicht haben, versuchen ständig die Form zu verewigen. Man sieht dies z. B. bei den Religionen, die sich seit Jahrhunderten an gewisse Riten und Glaubensvorstellungen klammern, ohne sich klar zu machen, dass dies Formen sind, die nicht fortbestehen können. Das Leben sprudelt unaufhörlich hervor und braucht neue Formen, um sich auszudrücken. Das Leben selbst zerbricht die Formen, denn es braucht neue Gerätschaften, neue Leitwege, um neue Reichtümer, neues Licht, neue Pracht zu offenbaren. Deshalb müssen die Formen nach Ablauf einer bestimmten Zeit verschwinden, um andere, feinstofflichere Ausdrucksformen zuzulassen.

Die Christen müssen jetzt die neuen Formen akzeptieren, die die unsichtbare Welt ihnen anbietet. Bis zu dem Tag, an dem diese neuen Formen auch alt sein werden und es neue geben muss, die sie ersetzen. Allein Prinzipien sind dauerhaft, Formen niemals.

Von Moses zu Jesus erkennt man eine – übringens notwendige – Entwicklung.

Das, was in der Vergangenheit nicht richtig verstanden wurde, wird jetzt verstanden und aufgeklärt werden und man wird sogar viele andere, neue Wahrheiten hinzufügen, weil es keinen Stillstand gibt und alles sich bewegt, sich weiterentwickelt. Jesus hat das übrigens gezeigt. Er hat eine neue Moral und eine neue Religion gebracht, die nicht diejenige von Moses war. An mehreren Stellen in den Evangelien wiederholt er: »Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist … Ich aber sage euch: …« Zum Beispiel: »Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten… Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein…« … »Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen…«

Ihr seht also, die Moral, die Jesus brachte, war nicht mehr die Moral, die Moses gebracht hatte. Und warum soll man jetzt nicht noch weiter gehen? Die Christen wollen nicht, dass es etwas anderes nach Jesus geben soll. Ihrer Meinung nach kann man nichts mehr hinzufügen. Aber Christus selbst fügt andere Begriffe hinzu. Und die Nachzügler, diejenigen, die in starren Formen verharren, werden überholt werden. Wir sind für die Entwicklung, für das neue Leben, für etwas, das noch größer ist, für die neue Religion, die in der Welt verbreitet werden wird, die wahre Religion Christi, die sich bisher noch nicht verwirklichen konnte.

Aber noch schwieriger ist es zu akzeptieren, dass Jesus selbst diese Entwicklung vorhergesagt hat.

Erinnert euch daran, was Jesus der Samariterin antwortete, als sie ihn fragte, ob man Gott auf dem Berg von Samaria oder im Tempel von Jerusalem anbeten solle: »Glaube mir Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten« (Jh 4, 21,24). Selbstverständlich interpretiert die Priesterschaft diese Worte nicht, weil sie sonst vieles in der Religion abschaffen und ersetzen müssten. Sie haben also ein Interesse daran, diese Worte beiseite zu lassen. Ich aber habe kein Interesse, ich interpretiere: »Im Geist und in der Wahrheit« heißt, dass man Gott nicht mehr in materiellen, äußeren Formen anbeten wird und auch nicht mit Unwahrheiten. Nun, was sind aber die Tempel und die Kirchen mit ihren Statuen? Sie sind aus Materie, und man erzählt dort alle Arten von Unwahrheiten.

Jesus wusste, dass dies für eine gewisse Zeit so sein musste, und er sagte: »Es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten« (Jh 4, 21,24). Von da an wird man Gott nicht mehr in den Tempeln anbeten, und man wird euch nicht mehr glauben machen, dass ihr durch eine bestimmte Reliquie oder Medaille gerettet werdet.

Schaut euch die Sonne an, sie ist ohne Lüge: Sie macht keine Versprechen, die sie nicht hält. Sie sagt euch: »Kommt zu mir und ich werde euch Licht, Wärme und Leben geben.« Sie begnügt sich damit, etwas zu versprechen, sie gibt euch wirklich Licht, Wärme und Leben. Wir sind jeden Morgen im Tempel Gottes, und der Geist der Wahrheit ist da, so rein, so lichtvoll, so uneigennützig! Anderswo ist überall ein Eigennutz im Spiel, man muss immer etwas in den Opferstock werfen, und es ist unmöglich zu beten, weil die Münzen so laut klimpern. Das ist zu prosaisch und hat mit Andacht nichts mehr zu tun!

Ich halte nicht viel von wertlosem Zeug, von frommen Bildern oder Medaillen, welche die Menschheit heilen und retten sollen. Wenn man mir das vorschlägt, so antworte ich: »Was ihr mir da gebt, kann das den Wein und den Weizen wachsen lassen, die Welt ernähren? Nein. Dann ist es mir zu schwach. Lasst mich zum Mächtigsten gehen. Könnt ihr mir jemanden zeigen, der mächtiger ist als die Sonne?«

Nun, ihr seht, meine lieben Brüder und Schwestern, die Menschen wissen, wo sie all das suchen sollen, was sie brauchen, aber sie wissen nicht, wo sie Gott suchen sollen… Aber Er ist da, in der Sonne! Alles andere ist nichts als ein Ersatz. Es sieht so aus, als hätten die Leute Angst, dass wir die Sonne für Gott halten! Nein, sie können ganz beruhigt sein, sie brauchen sich keine Sorgen zu machen! Gott ist unbeschreiblich. Er ist unfassbar. Es handelt sich also nicht darum, die Sonne für Gott zu halten. Die Sonne ist nur wie eine Tür, die sich zur Gottheit hin öffnet. Die Sonne ist eine Dienerin Gottes, eine der besten Dienerinnen. Schaut euch alle anderen an. Sie sind oft müde, entmutigt und geben auf. Sie arbeiten ein wenig für die Menschen, aber nach einiger Zeit weiß man nicht mehr, wo sie geblieben sind. Die Sonne hingegen ist immer da, unermüdlich, großzügig, treu und wahrhhaftig. Viele haben Konkurs gemacht, viele haben sich zurückgezogen, haben die Menschen betrogen und verraten; einzig die Sonne ist immer da. Darüber haben die Menschen nicht nachgedacht. Sie suchen immer falsche, jämmerliche und verwundbare Geschöpfe auf, aber niemals diejenige, die durch all ihre Erscheinungsformen zeigt, dass sie die einzig Treue und Wahre ist. Die Menschen sind seltsam! Ich kann ihnen nicht mehr vertrauen, weil sie sich ständig irren. Ihr sagt: „Aber wenn Sie kein Vertrauen mehr in die Menschen haben, was soll dann daraus werden?“ Ich habe Vertrauen in das, was göttlich ist im Menschen, seid versichert, aber nicht in das, was menschlich ist, denn ich weiß im Voraus, dass das, was menschlich ist, ausweichen, nachgeben und mich verraten wird.

Surya-Yoga, der Sonnenyoga, ist die geistige Disziplin, die unserer göttlichen Seite, unserem höheren Ich die größten Entfaltungsmöglichkeiten bietet.

Wenn ihr am Morgen dem Sonnenaufgang beiwohnt, dann achtet darauf, den ersten Strahl aufzufangen, denn euer ganzer Tag hängt von diesem ersten Strahl ab: der Erfolg, die Inspiration, die Erleuchtung. In dem Augenblick, in dem er euch erreicht, solltet ihr schon mit der Sonne verbunden sein, damit ihr fühlen könnt, dass euer Höheres Ich ein Teil der Sonne ist, eine ihrer Flammen. Indem ihr euch mit der von der Sonne kommenden kosmischen Kraft vereinigt, könnt ihr daraus frei schöpfen, da euer Höheres Ich in ihr wohnt und ihr durch euer Höheres ich in der Sonne lebt, in ihrem Licht badet.

Ohne euch darüber im Klaren zu sein, seid ihr bereits in der Sonne. Ihr fühlt es nicht, aber es gibt einen kleinen Teil von euch, ein sehr feinstoffliches Element, das bereits in der Sonne wohnt. Dieser Teil von uns selbst, dieses Wesen, dieses Geschöpf, das in der Sonne wohnt, ist unser Höheres Ich. Es wohnt nicht in unserem physischen Körper, sonst würde es dort Wunder vollbringen. Es kommt nur von Zeit zu Zeit, um sich dort zu manifestieren und mit unserem Gehirn Kontakt aufzunehmen. Aber da das Gehirn noch nicht so weit ist, seine Schwingungen zu ertragen und sich mit ihm zu vereinigen, kann es unser Höheres Ich nicht endgültig aufnehmen.

Um die feinstofflichsten, von der Sonne kommenden Energien zu empfangen, sollte man sie während der Identifikation des Bewusstseins mit dem höheren Ich holen. Die Wesen, die auf diese Weise mit der Sonne verbunden sind, fühlen sich als Bewohner des Himmels!

Wenn ihr morgens zum Sonnenaufgang geht, stellt euch vor, ihr befändet euch bereits dort oben in der Sonne und würdet von dort dieses Wesen auf dem Felsen, euch selbst, beobachten. (Im Zentrum Bonfin versammelt sich die Bruderschaft auf einer felsigen Anhöhe, um die Sonne aufgehen zu sehen [Anm. d. Hrsg.]). Ihr geht aus eurem Körper hinaus, trennt euch von eurem Körper und lächelt euch selbst zu, indem ihr sagt: »Oh, der Arme, wie klein er ist. Und das bin ich?! Aber ich helfe ihm, ich helfe ihm!« Und bereits durch diese Übung mit Hilfe eurer Vorstellungskraft beginnt ihr jeden Tag aufs Neue, eine Brücke zu schlagen.

Stellt euch dann auch vor, dass ihr das, was ihr an Reinheit, Fülle und Kraft von der Sonne empfangen habt, diesem Wesen schickt, das dort unten auf dem Felsen sitzt, diesem Wesen, das sozusagen ihr seid, das ihr aber nicht wirklich seid. Auf diese Weise fühlt ihr allmählich eine große Erweiterung des Bewusstseines, einen himmlischen Frieden, und dann folgen Offenbarungen über Offenbarungen. So kann man neue Fähigkeiten entwickeln, neue Zentren und Chakras, und die Dinge verstehen und durchdringen und wird immer mehr zu einem außergewöhnlichen Menschen, der äußerlich den anderen weiterhin gleicht, aber innerlich nicht mehr derselbe ist, da sich neue Möglichkeiten in ihm entwickelt haben.

Wenn ihr beten und euch mit Gott verbinden wollt, so stellt euch irgendwo im Raum ein lebendiges, strahlendes Zentrum vor, auf das alle lichtvollen, geistigen Wesen zustreben und aus dem sie ihre Kräfte schöpfen. Seht aus diesem Zentrum Lichtstrahlen hervorströmen, die in alle Richtungen gehen, um alle lebenden Geschöpfe zu ernähren. Auf diese Art lenkt ihr eure Gedanken ganau an den Ort, wo die Anwesenheit Gottes am stärksten ist und sich am deutlichsten zeigt, und euer Gebet wird nicht ohne Wirkung bleiben. Alle großen Meister und Eingeweihten konzentrieren sich auf diesen Punkt, auf dieses Lichtzentrum, und ihre Gedanken erzeugen eine solche Kraft im Raum, dass der Schüler, der sich jeden Tag auf diese Weise übt, unermessliche Segnungen von dieser Kraft empfängt.

Um aus den Begrenzungen eures Bewusstseins herauszukommen, solltet ihr euch zunächst mit der Vorstellungskraft hoch hinaufversetzen und an das Wesen denken, das alles umfasst, das in sich alle Geschöpfe trägt und sie ernährt. Ihr fragt euch, welchen Werdegang es für die Menschheit vorsieht, welche konkreten Pläne es für sie und ihre Entwicklung hat. Wenn ihr versucht, euch diesem unermesslich großen, lichtvollen Wesen zu nähern, wird eine große Arbeit im Unterbewusstsein, im Bewusstsein und im Überbewusstsein ausgeführt und das, was ihr dann an Empfindungen und Erfahrungen durchlebt, ist unaussprechlich. Ihr solltet diese Übung so lange machen, bis ihr fühlt, dass ihr fähig seid, euch völlig zurückzunehmen, nicht mehr als Person zu existieren, als kleines unbedeutendes Staubkörnchen, dass ihr verschmelzt mit diesem Lichtozean, mit Gott. Nur dort habt ihr die Gewähr, das wahre Bewusstsein, wahre Befreiung und wahres Glück zu finden. Wenn diese Übung für euch zur Gewohnheit geworden ist und es euch gelungen ist, für einige Minuten in den Genuss zu kommen, eins zu sein mit der Gemeinschaft der höchsten Wesen, dann könnt ihr beginnen, in das Bewusstsein der Menschen hinabzusteigen, um ihre Leiden, ihre Ängste zu erfühlen und ihre Bedürfnisse, ihre Qualitäten, ihre Fehler, ihre Krankheiten zu erkennen. Eines Tages werdet ihr sogar in das Bewusstsein der Tiere herabsteigen.

Wenn ihr diese Übung zur Grundlage eures Lebens macht, wenn ihr genug Geduld und Liebe aufbringt, um an der Erweiterung eures Bewusstseins zu arbeiten, Gott zu suchen, mit Seiner Unermesslichkeit zu verschmelzen, so werdet ihr alles erreichen, denn alles andere, alles, was man erwerben kann, alle Segnungen sind mit dieser Übung verbunden. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Die Entwicklung des religiösen Bewusstseins zielt darauf ab, die Distanz zwischen Mensch und Gott abzubauen.

Wenn man die Geschichte der Religionen studiert, so stellt man fest, dass Moses eine wahrhaft revolutionäre Idee gebracht hat, indem er Jahwe als einen einzigen Gott darstellte. Aber dieser Gott war Furcht einflößend, er war der Herrscher des Universums, ein unbarmherziger, unnachgiebiger Herrscher, ein verzehrendes Feuer. Die Menschen waren ihm gegenüber nichts als ängstliche und zitternde Geschöpfe, gezwungen, seinen Geboten zu gehorchen. Als Jesus kam, stellte er den Herrn als einen Vater dar, dessen Kinder wir sind. Der Abstand zwischen Ihm und uns ist geringer geworden, wir sind mit Ihm vereint durch Familienbande. Alles war verändert! Wo ergab sich in Wirklichkeit die Veränderung? Ganz einfach in unseren Köpfen, in unseren Herzen, in unserem Innersten. Wir fühlen uns Gott näher gebracht. Bis dahin war Er weit weg und erschreckend, man musste Ihn immer fürchten. »Gottesfurcht ist der Beginn der Weisheit.« Ja, immer fürchten, Angst haben, zittern! Aber Jesus ist gekommen, um Furcht durch Liebe zu ersetzen, und anstatt Angst zu haben vor diesem furchtbaren Gott, konnt der Mensch Ihn lieben, er konnte sich an Ihn anschmiegen, sich mit Ihm fühlen wie mit einem Vater oder einer Mutter. Das war also ein neues Element in der Religion.

Aber jetzt sollte man noch weitergehen. Wenn ihr den Herrn irgendwo in einer Region des Universums sucht, die man Himmel nennt, mit Seinen Engeln und Erzengeln, mit Seiner Pracht, Seinen Festmahlen usw., so ist dies noch immer eine objektive Auffassung: Gott ist außerhalb von euch. Nun, gerade darin liegt das Unglück: Ihr projiziert Gott außerhalb von euch. Dass Er euer Vater ist und ihr Sein Sohn oder Seine Tochter seid, einverstanden; Er ist jedoch immer noch außerhalb von euch. Nun, gerade darin liegt das Unglück: Ihr projiziert Gott außerhalb von euch. Ihr sucht Ihn, bittet ihn demütig, aber Er ist immer außerhalb von euch. Es ist möglich, dass Gott außerhalb des Menschen existiert; nur, wenn der Mench Ihn sich außerhalb von sich vorstellt, so fühlt er seine eigenen Begrenzungen. Er fühlt die Hindernisse, die ihn von Ihm trennen: zu viele Welten, zu viele Sterne und unendliche Räume. Unmöglich zu Ihm zu gelangen! An dem Tag hingegen, an dem er Gott in seinem Inneren anwesend fühlt als Licht, als Leben, als Intelligenz, als die einzige Kraft, kann er nicht mehr getrennt von Ihm sein, er findet Ihn in sich.

Wenn wir den Herrn außerhalb von uns verstehen, so heißt das, dass wir auch außerhalb von Ihm sind. Da er ja außerhalb von uns existiert, existieren auch wir außerhalb von Ihm! Aber wenn wir außerhalb von Ihm existieren , was wird da geschehen? Und was ist eigentlich ein „Objekt“, ein „Gegenstand“? Nehm als Beispiel einen Landwirt, einen Handwerker, einen Arbeiter: Sie haben Werkzeuge; das sind Gegenstände, Objekte, die sich von ihnen unterscheiden. Sie bedienen sich ihrer von Zeit zu Zeit und lassen sie dann, wenn die Arbeit beendet ist, beiseite liegen. Am nächsten Tag oder später nehmen sie sie wieder auf. Nun, dies gilt auch für uns. Solange wir glauben, dass wir außerhalb von Gott existieren, bedient Er sich unser, und dann legt Er uns wie Gegenstände beiseite. Ja, schaut den Töpfer an mit seinen Töpfen oder die Hausfrau mit den Kochtöpfen in ihrer Küche: Wenn die Kochtöpfe ein Bewusstsein hätten, was würden sie sagen? Sie würden seufzen: „So lange schon hat uns unsere Herrin nicht mehr benutzt! Als sie sich unser bediente, da wurden wir wenigstens erhitzt. Der Löffel kratzte uns, und das machte ein so angenehmes Geräusch. Wir freuten uns – und jetzt hat sie uns verlassen. Welch eine Bosheit, welche Grausamkeit!“ Was wollt ihr, wenn wir uns dem Herrn gegenüber verhalten wie das Geschirr und Er uns von Zeit zu Zeit vergisst, ist das nicht normal? Können wir ihm da einen Vorwurf machen? Wenn ihr etwas in in Ihm seid, ein Teil von Ihm, dann, ja dann werdet ihr die ganze Zeit mit Ihm, in Ihm sein. Solange ihr euch aber außerhalb von Ihm glaubt, ist das die schlimmste Philosophie, die es gibt.

Bald, glaubt mir, wird es Veränderungen in der Philosophie und in den religiösen Auffassungen der Menschen geben. Im Moment finden sie es normal und natürlich, Abstand zwischen Gott und sich zu halten. Jeder ist davon überzeugt, dass das so sein muss. Aber warum jammern sie dann, wenn sie unter den Folgen leiden? Ich habe es euch schon gesagt: In der Zukunft wird es ein Drittes Testament geben. Es wird kommen, um die zwei vorangegangenen zu vervollständigen, und man wird darin eine Wahrheit finden, die als das Wesentliche betont, hervorgehoben und dargestellt wird: dass der Mensch lernen muss, sich Gott noch mehr zu nähern und Ihn in sich selbst zu fühlen. Dann hat er nicht mehr den Eindruck verlassen zu sein.

Ja, das Dritte Testament wird den Menschen die endgültige Lösung bringen. Sie werden ununterbrochen mit dem Herrn leben, und da sie Ihn nicht mehr verlassen können, kann auch Er sie nicht mehr verlassen. Ihr erwidert: „Ja, aber es ist doch respektvoller, angemessener, den Herrn als außerhalb von uns stehend zu betrachten. So hat man es uns gelehrt.“ Die Wahrheit hat abertausende von Abstufungen, und jetzt ist die Epoche gekommen, wo man weitergehen muss. Man sollte denken, dass der Herr in unserem Inneren ist und gleichzeitig davon ausgehen, dass wir ein Teil von Ihm sind, ein unendlich winziges Stückchen, dass Er das Ganze ist und wir ein Teilchen dieses Ganzen. Wen ihr zum Herrn betet und dabei denkt, Er sei irgendwo, jenseits der Sterne, wie glaubt ihr dann, soll euer Gebet bis dorthin gelangen? Ja, ich habe euch zwar eines Tages gesagt, dass das Gebet das gesamte Universum durchläuft, aber es braucht sehr viel Zeit dafür, den unendlichen Raum zu druchqueren! Wenn der Herr dagegen ganz nah da ist, in euch, ist die Verbindung sofort hergestellt. Er hört euch zu und erhört euch.

Wenn ihr also meditiert, versucht von nun an, euch darin zu üben, den Herrn anders zu betrachten. Ihr werdet Ergebnisse sehen: Immer weniger habt ihr dann den Eindruck des Verlassenseins. Im Augenblick empfindet ihr einmal Freude, Inspiration und Entzücken und einmal werdt ihr von einer schrecklichen Dürre überfallen, alles ist wüst und dürr. Dann sagt ihr: „Ja, Gott hat mich verlassen.“

Ich gebe euch ein Beispiel: Ihr seid auf der Erde, weit weg von der Sonne, so weit, dass sich zwischen sie und euch Wolken geschoben haben und ihr ihnen ausgeliefert seid. Ihr würdet gerne ihre Wärme, ihr Licht empfangen, aber das ist unmöglich. Die Wolken verhindern, dass die Sonne kommt. Was tun? Ihr wartet; und während des Wartens sagt ihr: „Die Sonne hat mich verlassen.“ Ganz und gar nicht, ihr seid zu weit entfernt. Ihr seid unterhalb der Wolken. Nehmt jetzt an, ihr würdet ein Flugzeug nehmen und euch damit über die Wolken erheben: Nichts kann sich dann mehr zwischen die Sonne und euch stellen. Sie ist da und scheint ununterbrochen: Sie hat euch nie verlassen. Wenn man sich also verlassen glaubt, so beweist das, dass man zu tief unter die Wolken hinabgestiegen ist, und dort gibt es immer eine Schicht, die verhindert, dass die Sonne durchkommt. Fühlt ihr euch jedoch immer fröhlich und inspiriert, so ist das der Beweis dafür, dass ihr die Region der Wolken verlassen habt: Für euch scheint die Sonne ununterbrochen, ihr betrachtet ihr Licht und fühlt ihre Wärme, die euch durchdringt. Das ist eine sehr einfache Erklärung.

Da es nun von uns abhängt, ob wir uns verlassen fühlen oder nicht, warum ändern wir nicht einfach unsere Mentalität? Warum bleiben wir in einer so niederen Region, wo jeden Tag, jede Minute, eine Schicht das Licht abhält und uns daran hindert, dass wir die Freude und die Offenbarungen von der Sonne empfangen? Warum bleiben wir so tief unten? Dies ist genau der Ansatzpunkt der Einweihung: Sie verhilft einem zu einem „Platz an der Sonne“, wie man so schön sagt, aber einen Platz sehr hoch oben, sehr weit über den Wolken, einen Platz, von dem aus man von nichts und niemandem mehr abhängig ist, wo man unverwundbar, unangreifbar, unbesiegbar, unsterblich ist!

Aber ja, man muss höher hinaufsteigen, immer höher. Man muss die Auffassung, die man vom Herrn hat, verlagern, sich Ihm so weit nähern, dass man es schafft, Ihn im eigenen Innern zu finden; Ihn so nah heranbringen, so weit ins Innere, dass man ununterbrochen in Seiner Anweisenheit badet. Dann kann man nicht mehr wie die kleine heilige Theresia sagen: „Herr, warum spielst Du mit mir wie mit einem Ball?“ Sicher, wenn ihr euch für einen Ball haltet, für einen Gegenstand außerhalb von Ihm, – so wie es bei den Christen am weitesten verbreitet ist – dann könnt ihr dem Eindruck nicht entgehen, verlassen zu sein. In Wirklichkeit verlässt uns Gott niemals. Die Veränderungen finden in unserem Bewusstsein statt: Bald sind wir klarer, sensibler, dem Licht und der Wärme näher, bald entfernen wir uns davon. Wer ist schuld daran? Wenn ihr euch von der Sonne entfernt, so empfindet ihr Kälte und Dunkelheit… Die Religion der Zukunft wird die Menschen lehren, dass sie Gott nur in ihrem eigenen Inneren wahrhaft fühlen können. Dann werden sie ohne Unterlass mit Ihm zusammen sein: glücklich, in der Liebe und im Licht.

Das bedeutet sich wirklich selbst zu erkennen.

Es steht geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und all deiner Kraft.« Darunter versteht man, dass wir mit Gott kommunizieren können durch unser Höheres Ich, das All-Licht, All-Liebe und All-Macht ist. Das meinte Christus auch, als er sagte: »Niemand kommt zum Vater, denn durch mich.« Christus ist das Symbol des WORTES, des Sohnes Gottes, der in jeder Seele wie ein Funken noch irgendwo vergraben ist, verloren und verschüttet. Indem sich der Mensch mit seinem höheren Ich verbindet, verbindet er sich mit dem Christusprinzip, das überall ist, in jeder Seele, und durch dieses ist er mit Gott verbunden. Ihr könnt nur zu Gott kommen druch euer Höheres Ich, denn dieses Höhere Ich enthält alles und steht für das Beste und Reinste in euch.
Die Aufgabe des Schülers ist also, sich durch sein höheres Ich mit Gott zu vereinigen, um sich endlich wiederzufinden. Man betrachtet immer nur den physischen Körper, die Hülle, die man eigentlich gar nicht ist. Es wurde doch gesagt: »Erkenne dich selbst.« Sich wahrhaft selbst erkennen heißt, sich oben als ein winziges Teilchen der Gottheit zu erkennen. Sich erkennen heißt, Gott nicht nur in sich selbst, sondern auch in den anderen Menschen und in der ganzen Natur gefunden zu haben.

Das Symbol des Eingeweihten, dem es gelungen ist, sich wiederzufinden, ist die Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Die Schlange, die auf der Erde kriecht, ist eine gerade oder krumme Linie, und die Linie ist begrenzt. Die Schlange aber, die sich in den Schwanz beißt, wird zu einem Kreis, und der Kreis ist das Unendliche, das Unbegrenzte, die Ewigkeit. Der Mensch, der es geschafft hat, das Symbol des Kreises zu verwirklichen, betritt eine Welt, in der es keine Begrenzungen mehr gibt, in der es keine Trennung mehr gibt zwischen dem Hohen und dem Niederen, denn alle Kräfte, alle Reichtümer und alle Tugenden, die das wahre Ich besitzt, fließen ein in das kleine Ich. Das kleine und das große Ich sind nur noch eins und der Mensch wird zu einer Gottheit.

Dieser Text stammt aus dem Buch »Die neue Religion« von Omraam Mikhael Aivanhov, Kapitel 3: »Ihr seid Götter«.