├ťber Meister Peter Deunov

Auszug aus dem Buch ┬╗Hommage an Meister Peter Deunov┬ź

┬╗Ein Meister ist wie ein Vogel, der zu euch kommt und f├╝r euch singt, um euch auf den Weg zum verwunschenen Schloss zu f├╝hren. An dem Tag, an dem ihr keine Gefahr mehr lauft, euch zu verirren, kann euch der Vogel verlassen, er fliegt davon.┬ź

Omraam Mikha├źl A├»vanhov

Wenn ich euch erz├Ąhlen w├╝rde, wie gro├č meine Freude und wie begl├╝ckt ich an dem Tag war, als ich dem Meister begegnete, ihr w├╝rdet es mir nicht glauben! Damals war ich sehr arm und besa├č nichts weiter als ein Bett, eine Geige und einige B├╝cher. Wochenlang verbrachte ich meine Zeit in den Bergen mit Lesen und Meditieren und von Zeit zu Zeit ging ich ein wenig arbeiten, um mir einige Groschen zu verdienen. Und h├Ąttet ihr die Schuhe und die Kleider gesehen, die ich trug! Aber ich war gl├╝cklich, denn ich f├╝hlte mich reich, sagenhaft reich; reich, weil ich wusste, dass es meinen Meister gab. Ich hatte das Gef├╝hl, dass mein Kopf und mein Herz alle Sch├Ątze des Universums enthielten. Einen Meister zu haben, begreift ihr das! Ich wusste, dass ich durch ihn Himmel und Erde besitzen w├╝rde, dass ich die mir kostbarsten W├╝nsche verwirklichen w├╝rde.

Es gibt leider nur sehr wenige Menschen, die ein Gesp├╝r daf├╝r haben, was ein Meister f├╝r die Ausrichtung ihres Schicksals bedeuten kann, ein Gesp├╝r daf├╝r, was seine Gegenwart in ihrem Leben alles in Ordnung bringen, verbessern und harmonisieren kann. Einen Meister zu haben, bedeutet ihnen nichts, denn sie wissen, durch ihn wird es mit ihrer Ruhe vorbei sein. Der Meister wird ihnen ihre M├Ąngel aufzeigen und die Gefahren der Wege, die sie oft einschlagen; dann f├╝hlen sie sich nat├╝rlich ein wenig gebremst und genau das wollen sie nicht. Und das ist schade, weil sie mit dieser Einstellung geradewegs auf gr├Â├čere Leiden und Beschr├Ąnkungen zusteuern, als sie zu erdulden h├Ątten, wenn sie auf die Ratschl├Ąge eines Meisters h├Âren w├╝rden. Ich allerdings, ich habe seit meiner fr├╝hesten Jugend gesp├╝rt, dass ich einen Meister brauchte, und gerade das hat mich gerettet.

Als ich dem Meister Peter Deunov begegnete, war ich siebzehn Jahre alt und wohnte in Varna am Schwarzen Meer. Und dass ich ihn gerade zu dieser Zeit getroffen habe, lag daran, dass infolge allerlei Intrigen der Klerus der orthodoxen Kirche bei der Regierung erwirkt hatte, dass er Sofia, wo er sich niedergelassen hatte, verlassen musste. Er wurde in die Stadt Varna ins Exil geschickt, in deren N├Ąhe er ├╝brigens geboren war und wo er lange Zeit gewohnt hatte.

Der Meister war der Sohn eines Popen der bulgarischen orthodoxen Kirche. Sein Vater w├╝nschte nat├╝rlich, dass er den gleichen Weg einschl├╝ge und auch Pope w├╝rde. Aber das hat der Meister abgelehnt. Er kannte zu gut dieses Milieu des Klerus, seine Mentalit├Ąt, und er wusste, was in ihnen vorging, und davon war er nicht sonderlich begeistert. Er h├Ątte ebenso gut Pastor werden k├Ânnen, denn schon in seiner Jugendzeit hatte er eine protestantische Schule in Bulgarien besucht und danach sein Theologiestudium ÔÇô sowie ein Medizinstudium ÔÇô in den Vereinigten Staaten weitergef├╝hrt. Obwohl man bei seiner R├╝ckkehr erwartete, dass er ein Amt in der evangelischen Kirche annehmen w├╝rde, wies er auch dies zur├╝ck. Er sp├╝rte, dass er eine andere Berufung hatte.

Als er dann anfing, Vortr├Ąge zu halten und einige Sch├╝ler um sich zu scharen, stellte sich der Klerus der orthodoxen Kirche dem Meister unverz├╝glich in den Weg. Warum? Oh, das ist ganz einfach! Zu allen Zeiten und in allen Religionen war der Klerus stets der Ansicht, dass au├čerhalb der etablierten Kirchen nichts Gutes entstehen k├Ânne. Meinetwegen, wenn die Kirchen ihre Aufgabe ordentlich erf├╝llen w├╝rden, h├Ątte man ihnen nichts vorzuwerfen; aber oft machen sie nichts weiter, als die Gl├Ąubigen in engen und beschr├Ąnkten Lebensauffassungen festzuhalten. Denn was verlangt man schlie├člich von ihnen? Sie sollen glauben, regelm├Ą├čig zum Gottesdienst kommen, einige Gebete hersagen, fromme Lieder singen und Moralpredigten anh├Âren, das ist alles! Wie kann die Kirche glauben, dies gen├╝ge, um die Menschen umzuwandeln und Gott n├Ąher zu bringen? Aber will man sie wirklich umwandeln und Gott n├Ąher bringen? Und wie viele gibt es sogar in der Priesterschaft, die tats├Ąchlich ein beispielhaftes Leben f├╝hren, in wahrer ├ťbereinstimmung mit den heiligsten Prinzipien ihrer Religion?

Nach und nach wurden die Person und die Aktivit├Ąten des Meisters zu einem richtigen lebenden Vorwurf f├╝r die Bisch├Âfe. Er schien ihnen zu sagen: ┬╗Wie weit seid ihr doch entfernt von den Wahrheiten des Evangeliums! Wie sehr unterscheidet sich euer Leben von dem, was Jesus gelehrt hat! Ihr m├╝sst euch korrigieren.┬ź Aber anstatt dies zu akzeptieren, beschuldigten sie den Meister, ein H├Ąretiker zu sein, ein falscher Prophet. H├Ątte er ein v├Âllig mittelm├Ą├čiges Leben gef├╝hrt, dann h├Ątten sie ihn in Ruhe gelassen, er aber wollte auf den Spuren Christi wandeln und so haben sie ihn verfolgt. Nach einiger Zeit haben sich die Bisch├Âfe mit einigen Regierungsmitgliedern zusammengetan, um ihn ins Exil zu schicken. Dieser Schritt der Bisch├Âfe war ein Beweis ihrer Schw├Ąche. Der Meister wurde aufgefordert, Sofia zu verlassen. Er blieb friedlich und begab sich mit einigen Sch├╝lern nach Varna. Das war im Jahre 1917.

Zu dieser Zeit bewohnte ich ein Haus, das meinen Eltern geh├Ârte und das sich, ohne dass ich es wusste, nur einige Schritte weit von dem entfernt befand, wo der Meister fr├╝her gewohnt hatte, bevor er nach Sofia gegangen war. Ich erinnere mich noch gut daran, das war wirklich die au├čergew├Âhnlichste Stra├če der Stadt auf Grund ihrer starken Absch├╝ssigkeit. Jeden Morgen, wenn ich zur Schule ging, musste ich diesen steilen Weg hinaufgehen, und im Winter war schon gro├če Vorsicht geboten, denn das Eis verwandelte ihn manchmal in eine wahre Rutschbahn. In dieser Stra├če, die zudem sehr lang war, befand sich die Kirche, in welcher der Vater des Meisters das Amt des Popen innegehabt hatte; so war er in ein Nachbarhaus gezogen, und der Meister hatte dort mehrere Jahre lang gewohnt.

Das Exil des Meisters in Varna wurde f├╝r mich zu einem gl├╝cklichen Ereignis. Durch diesen Umstand habe ich ihn kennen gelernt, und mein Leben bekam seine endg├╝ltige Ausrichtung.

Schon beim ersten Anblick war ich wie geblendet. Sein Gesicht, seine Ausstrahlung, der Frieden, der von ihm ausging, der feierliche Ernst seines Auftretens, die Anmut seiner Gesten, sein Gang, seine Art zu sprechen, sein Blick, sein L├Ącheln, alles entstammte einer anderen Welt. Sein ganzes Wesen lie├č die lange Arbeit der Eingeweihten und der Meister sp├╝ren, eine Arbeit voller Geduld, voller Beharrlichkeit, voller Edelmut und Selbstlosigkeit. Eine durch ihre Tiefe, ihren Reichtum und ihre Sch├Ânheit unermessliche Welt, das war es, was der Meister mitbrachte.

Was mich dann weiterhin noch sehr beim Meister beeindruckte, das war seine W├╝rde. Aber es d├╝rfte euch schwer fallen zu begreifen, was ich damit meine, denn f├╝r viele ist die W├╝rde kein klarer Begriff, sie neigen dazu, sie mit Stolz oder Hochmut zu verwechseln. Die W├╝rde des Meisters, das war sein Bewusstsein der Sch├Ątze, die Gott in ihn gelegt hatte, und der Wille, diese unversehrt zu bewahren. Ja, wahre W├╝rde besteht in der Achtung all dessen, was Gott uns gegeben hat, zun├Ąchst einmal f├╝r unseren physischen K├Ârper, aber auch f├╝r unser Herz, unseren Intellekt, unsere Seele und unseren Geist. Wie oft habe ich bemerkt, wie der Meister sich gegen jegliche k├Ârperliche oder seelische Beschmutzung abschirmte. Man sp├╝rte, dass er best├Ąndig darauf achtete, seine inneren Reicht├╝mer zu erhalten, um sie eines Tages dem Sch├Âpfer in noch gr├Â├čerer F├╝lle und gr├Â├čerem Glanz zur├╝ckgeben zu k├Ânnen.

Und diese W├╝rde, diese Selbstachtung wollte er auch seinen Sch├╝lern vermitteln, indem er ihnen bewusst machte, dass sie Tempel, Heiligt├╝mer des Ewigen sind, wo nur reine Nahrung, reine Gedanken, reine Worte und reine Empfindungen hinein- und herausd├╝rfen. Alle diejenigen, die nicht darauf aufpassen, was in sie hineingelangt oder aus ihnen herauskommt, die sich hinrei├čen lassen, um irgendetwas zu machen, sich mit irgendetwas zu besch├Ąftigen, ganz gleich, was zu sagen oder zu denken, die k├Ânnen sich ihrer wahren Menschenw├╝rde nicht bewusst werden.

Was ich euch nun erz├Ąhlen werde, hat sich in Varna zugetragen, in der Anfangszeit meiner Bekanntschaft mit dem Meister, als ich ihm einen Besuch abstattete. Es war w├Ąhrend des Balkankrieges. An jenem Abend hatten wir viel miteinander gesprochen, und ich war recht sp├Ąt dran. Die Zeit der n├Ąchtlichen Ausgangssperre war l├Ąngst erreicht. An einer Stra├čenecke lief ich pl├Âtzlich zwei berittenen Wachleuten in die Arme, die mich aufhielten und fragten: ┬╗Wohin wollen Sie denn noch so sp├Ąt?┬ź ÔÇô ┬╗Ich gehÔÇś nach Hause.┬ź ÔÇô ┬╗So, so, dann kommen Sie erst mal mit.┬ź Ich musste mitgehen. Dabei dachte ich an den Meister und war so gl├╝cklich ├╝ber unsere Unterhaltung, dass es mir v├Âllig gleich war, ob ich die Nacht im Gef├Ąngnis verbringen w├╝rdeÔÇŽ Auf einmal, ganz ohne Grund, ├Ąnderten die Wachleute ihr Verhalten und sagten: ┬╗Gut, gehen Sie zu! Gehen Sie nach Hause. Wir begleiten Sie noch ein St├╝ck, damit Sie nicht von der n├Ąchsten Wache angehalten werden; aber lassen Sie sich nicht einfallen, wieder um diese Uhrzeit auf die Stra├če zu gehen.┬ź Ich war sehr froh ├╝ber ihr Einlenken, und am folgenden Tag hatte ich den Zwischenfall bereits vergessen.

Einige Tage darauf ging ich wieder zum Meister. Er empfing mich l├Ąchelnd und meinte: ┬╗Wie ist es ausgegangen neulich abends? Die Wachleute waren freundlich, nicht wahr?┬ź ÔÇô ┬╗Was, Sie wissen, was passiert ist, Meister? Was haben Sie gemacht?┬ź ÔÇô ┬╗Ich habe den Wachleuten gesagt: Lasst ihn in Frieden heimgehen, er ist ein guter Sch├╝ler.┬ź Nach diesem Zwischenfall habe ich begriffen, wie sehr es f├╝r den Meister, der hellsehen konnte, ein Leichtes war, so im Unsichtbaren zu sprechen. Alle, die sich hinsichtlich der Realit├Ąt der Gedanken Fragen stellen, ob diese sich wohl frei im Raum bewegen k├Ânnen und ob das menschliche Gehirn sie auffangen kann, werden ├╝ber diese Tatsachen nachdenken. Der Meister hatte den Wachleuten gesagt: ┬╗Das ist ein guter Sch├╝ler, lasst ihn┬ź, und ihre Seelen waren gehorsam, denn der Aufruf eines Meisters ist ein Befehl.

Manchmal, wenn wir miteinander sprachen, betrachtete der Meister den Himmel und beobachtete die von den Wolken gebildeten Figuren. ┬╗Mikha├źl┬ź, sagte er zu mir, ┬╗heute Nachmittag werden drei Leute aus Sofia zu mir kommen.┬ź ÔÇô ┬╗Woran sehen Sie das, Meister?┬ź ÔÇô ┬╗Die Wolken k├╝ndigen es mir an┬ź, antwortete er, ┬╗sie benachrichtigen mich.┬ź In welcher Sprache sie das taten, das wei├č ich nicht, aber durch den Meister habe ich viel zu diesem Thema gelernt. Er hat mir auch erkl├Ąrt, dass die Wolken, die man ├╝ber einer Stadt sieht, die Gesinnung ihrer Bewohner erkennen lassen.

Zu einer bestimmten Zeit wohnte ich mit einem meiner Freunde zusammen. Als ich eines Tages nach Hause kam, sagte mir mein Freund, dass ein Dieb bei uns eingedrungen war und etliche Sachen hatte mitgehen lassen, unter anderem einen Radioapparat und eine Uhr, die mir geh├Ârten. Ich hatte den Meister sagen h├Âren, dass uns oft deshalb Diebe Dinge entwenden, weil sie uns aus irgendwelchen Gr├╝nden nicht wirklich geh├Âren. So antwortete ich meinem Freund: ┬╗Wenn das wirklich unsere Sachen sind, dann werden wir sie zur├╝ckbekommen; wenn wir sie nicht zur├╝ckbekommen, dann geh├Âren sie uns nicht, wir brauchen uns also nicht zu beklagen.┬ź Mein Freund war sehr intelligent, aber vor allem auch sehr praktisch veranlagt. Er fand meine Scherze ein wenig fehl am Platze und zog es vor, bei der Polizei Anzeige zu erstatten, wobei er seinen und meinen Namen angab.

Zwei Tage sp├Ąter wurde ich ins Kommissariat vorgeladen. Ich ging hin, und als der Kommissar mich sah, sagte er: ┬╗Sie sind ein Sch├╝ler von Herrn Deunov, nicht wahr?┬ź ÔÇô ┬╗Ja, woher wissen Sie das?┬ź ÔÇô ┬╗Das sehe ich Ihrem Gesicht an.┬ź ÔÇô ┬╗Sie kennen also den Meister?┬ź ÔÇô ┬╗Ja, ich kenne ihn und ich werde Ihnen erz├Ąhlen woher.┬ź Und er begann, wobei er den Dieb v├Âllig verga├č: ┬╗Welch ein Gl├╝ck f├╝r Sie, einen solchen Meister zu haben! Warum ich das denke? Also, w├Ąhrend des Krieges war ich an der mazedonischen Front. Mein Vater war damals Gouverneur von Varna. Zu der Zeit war es ├Ąu├čerst schwierig, Briefe zur Front zu schicken oder von dort zu erhalten, und mein Vater, der ohne Nachricht von mir war, machte sich Sorgen. Als er erfuhr, dass Ihr Meister sich in Varna aufhielt, ging er zu ihm mit der Frage, ob er ihm sagen k├Ânne, wo ich mich befand. Der Meister schloss einen Moment lang die Augen, um mich zu suchen und antwortete dann: ┬╗In diesem Augenblick befindet sich Ihr Sohn mit Kameraden in einem Wald; sie verstecken sich, weil Flugzeuge das Geh├Âlz ├╝berfliegen und Bomben abwerfen, und sie haben Angst, weil dieser Platz sehr den Angriffen ausgesetzt ist. Wasser flie├čt auch in ihrer N├Ąhe. Jetzt f├Ąllt eine Bombe dort, wo sie sich versteckt haltenÔÇŽ Ihr Sohn ist verwundet, aber nicht t├Âdlich getroffen. Seien Sie ohne Sorge, er wird gerettet werden. Ich kann Ihnen versichern, dass er nicht sterben und bald nach Varna zur├╝ckkehren wird. Holen Sie ihn an folgendem Datum vom Bahnhof ab (der Meister gab Tag und Stunde genau an), er wird an dem Tag ankommen und einen Fisch mitbringen.┬ź Mein Vater war tief ger├╝hrt und ging beruhigt heim. An dem Tag, den der Meister angegeben hatte, erwartete er mich mit Freunden am Bahnhof und sah mich zu seiner gro├čen Freude ankommen ÔÇô mit einem Fisch!

Mein Vater, der auch wusste, dass der Meister Phrenologe war und an der Sch├Ądelform die Veranlagung eines Menschen ablesen konnte, brachte mich sp├Ąter einmal zu ihm hin, um meinen Kopf in Augenschein nehmen zu lassen; ich erinnere mich aber nicht mehr daran, was er dazu sagte, denn damals war ich noch recht unbek├╝mmert und nicht in der Lage, die Worte Ihres Meisters zu begreifenÔÇŽ┬ź

Nach diesem Bericht bat mich der Kommissar um n├Ąhere Angaben zu dem an mir und meinem Freund begangenen Diebstahl. Er versprach mir, sein M├Âglichstes zu tun, um den Dieb aufzusp├╝ren, und so ging ich nach Hause. Mir lag vor allem daran, meine Uhr wiederzubekommen und zwar aus folgendem Grund: Es handelte sich um eine silberne Uhr, die mindestens f├╝nfzig Jahre alt war, sie hatte meinem Vater geh├Ârt und war au├čerdem deshalb von besonderem Wert, da sie die jeweilige Planetenstunde anzeigte. Ich hatte dieses astrologische Zifferblatt auf Grund entsprechender Berechnungen selbst angefertigt, und es gen├╝gte, einen Blick darauf zu werfen, um den jeweiligen Planeteneinfluss zu kennen. Darum wollte ich meine Uhr gern wiederhaben. Und ich habe sie wiederbekommen. Der Dieb war ein armer junger Mann. Ich habe versucht mit ihm zu reden, um sein Herz zu ber├╝hren, und dann habe ich den Kommissar gebeten, nicht zu hart mit ihm zu sein; ich sagte dem Kommissar, dass er ein Opfer der sozialen Verh├Ąltnisse, dass er arm und hungrig gewesen sei. Meine Argumente erschienen ihm nicht gerade ├╝berzeugend, aber vielleicht auf Grund seiner Sympathie f├╝r mich, vielleicht, weil ich ein Sch├╝ler des Meisters war, versprach er mir, nicht zu streng zu sein. Als ich nach Hause kam, sagte ich zu meinem Freund: ┬╗Siehst Du, die unsichtbare Polizei arbeitet t├╝chtig: Sie hat herausgefunden, dass diese Sachen uns geh├Âren und dass der Diebstahl ein Irrtum war.┬ź Vor Freude fiel er mir um den Hals. Ich muss dazu sagen, dass ihm weitaus mehr Dinge abhanden gekommen waren.

Einige Jahre sp├Ąter habe ich einen hervorragenden Schriftsteller kennen gelernt, der mich bat: ┬╗Erz├Ąhlen Sie mir von Ihrem Meister. Ich kenne ihn, er muss jetzt schon sehr alt sein, erz├Ąhlen Sie mir, was er macht. Als ich noch im Gymnasium war, bin ich mit einem Kameraden zu ihm gegangen, denn wir hatten geh├Ârt, er sei ein gro├čer Phrenologe, und wir wollten etwas ├╝ber unsere Zukunft erfahren. Er schaute uns l├Ąchelnd an und sagte dann zu mir: ┬╗Sie haben eine zarte Gesundheit, aber Sie werden ein gro├čer Schriftsteller.┬ź Damals hat mich das sehr erstaunt, denn ich wollte H├Ąndler werden und versp├╝rte nicht im Geringsten den Hang zum Schreiben. Zu meinem Kameraden hingegen, der Schriftsteller werden wollte, sagte er, dass er sp├Ąter Handel treiben w├╝rde, was diesen nat├╝rlich etwas verdross. Alle von ihm gemachten Voraussagen sind eingetroffen. ├ťberbringen Sie Ihrem Meister meine ehrerbietigsten Gr├╝├če, ich habe gro├če Achtung vor ihm.┬ź

Und es stimmt, dass der Meister ein einzigartiger Phrenologe war. Bevor er sich seiner Lehraufgabe widmete, hatte er jahrelang die St├Ądte und D├Ârfer Bulgariens durchstreift, um die K├Âpfe aller m├Âglichen Leute zu erforschen und zu messen. Er hatte sogar phrenologische Studien ├╝ber den Klerus gemacht! Au├čerdem besa├č er die Gabe, die Menschen zu durchschauen, ihren Entwicklungsgrad zu erkennen, zu sehen, bis wohin sie gekommen waren und was aus ihnen werden w├╝rde. Ja, das war eine Gabe von ihm, oft hat er mir den Beweis geliefert. Und gleichzeitig war er ein guter Beobachter. Seine Gewohnheit, die Leute um ihn herum, und insbesondere nat├╝rlich seine Sch├╝ler zu beobachten, ist mir gleich aufgefallen. Das machte er allerdings sehr diskret, denn er wollte niemanden durch einen aufdringlichen Blick in Verlegenheit bringen. Wenn man seinem Blick ├╝berraschend begegnete, wendete er sich sogleich ab, als interessierte er sich f├╝r etwas anderes; war er jedoch der Ansicht, dass man nicht gewahr wurde, beobachtet zu werden, so sp├╝rte man seinen Blick sehr tief in sich eindringen.

Wenn ich bei ihm zu Besuch war und er mich dann zur T├╝r begleitete, drehte ich mich beim Fortgehen f├╝r einen letzten Gru├č zu ihm um: Er stand da, sah mich an und ich sp├╝rte an seinen Augen, dass er mich noch eingehend erforschte. Er achtete darauf, wie ich ging. Vielleicht wollte er herausfinden, welche Wirkung unser Gespr├Ąch und seine Worte auf mich gemacht hatten, denn der Gang ist immer sehr aufschlussreich bez├╝glich des inneren Zustands.

Als ich begriff, welche Bedeutung der Meister der Beobachtung der Menschen beima├č, habe auch ich begonnen, sie zu beobachten. Viele meinen, um die Menschen kennen zu lernen, m├╝sse man ihnen Fragen stellen und sie reden h├Âren. Sicher ist etwas Wahres daran, aber es ist noch weitaus wahrer, dass die Worte oft dazu dienen, sich zu tarnen, zu t├Ąuschen und sich vor den anderen vorteilhaft darzustellen. Was tats├Ąchlich sehr viel mehr aussagt als das Wort, das sind eine Menge kleiner Details in den Gesten, in der Mimik, im Verhalten und in der Physiognomie ganz allgemein. Da die meisten Leute aber nicht beobachten k├Ânnen, bemerken sie auch nichts bei den anderen, und darum kennen sie sie auch so schlecht. Was Meister Peter Deunov betrifft, so war er ein au├čergew├Âhnlicher Beobachter.

Aber das Bemerkenswerteste beim Meister, was ihn zu einem ganz besonderen Menschen machte, das war das spirituelle Leben, das von ihm ausging, und das, Lichtstrahlen gleich, uns durchdrang. Denn die Strahlung, die ein Mensch durch ein intensives, spirituelles Leben erzeugt, ist etwas Lebendiges, eine von sehr reinen Wesen bewohnte Welt, die alle, die sich ihr n├Ąhern, erf├╝llt und auf sie einwirkt.

Viele meinen, das Wesentliche eines Meisters sei das Wort, die Weisheit, die er vermittelt, und wenn er nichts sagt, so w├╝rden sie nichts lernen. Nun, das ist ein Irrtum: Selbst wenn er nicht spricht, vermittelt euch die Strahlung, die von ihm ausgeht, etwas von seinem Licht und seiner Kraft. Bewusst oder unbewusst nehmt ihr diese feinen Partikel auf. Aber nat├╝rlich wird eure eigene innere Arbeit leichter vonstatten gehen, wenn ihr euch dessen bewusst seid. Das habe ich beim Meister begriffen. Das Wichtigste, das war nicht die Lehre, die er uns durch das Wort vermittelte. Das Wichtigste, das war die intensive Schwingung seines Geistes, die uns erf├╝llte.

Auf diese Weise arbeitet ein wahrer Meister an seinen Sch├╝lern: Es gen├╝gt nicht, dass er sie dahin f├╝hrt, seine Vorstellungen und Ansichten zu teilen, er ├╝bertr├Ągt ihnen die Quintessenz seiner Seele und seines Geistes. Nach einigen Jahren ist die Seelensubstanz des Sch├╝lers durchdrungen, durchwirkt von der Quintessenz seines Meisters, und auf diese Weise gleicht er sich diesem nach und nach an. Ein Meister, das ist eine Quelle; ein Meister, das ist ein See; ein Meister, das ist ein Baum; ein Meister, das ist eine Frucht; ein Meister, das ist Brot; ein Meister, das ist Sonne. Und darum ern├Ąhrt sich ein Sch├╝ler bei seinem Meister, er stillt seinen Durst, er l├Ąutert sich und wird licht. Als ich das begriff, war das eine gro├če Bereicherung f├╝r mich. Nat├╝rlich habe ich es nicht gleich begriffen, dazu war ich zu jung. Aber einige Jahre sp├Ąter, als mir wirklich klar wurde, was die Gegenwart des Meisters bedeutete, bem├╝hte ich mich, die Zeit, die ich mit ihm verbrachte, bewusster zu erleben und auch einige Erfahrungen, deren Wert ich damals nicht gleich erkannt hatte, im Geiste noch einmal zu durchleben. [ÔÇŽ]