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Über Meister Peter Deunov

Auszug aus dem Buch »Hommage an Meister Peter Deunov«

»Ein Meister ist wie ein Vogel, der zu euch kommt und für euch singt, um euch auf den Weg zum verwunschenen Schloss zu führen. An dem Tag, an dem ihr keine Gefahr mehr lauft, euch zu verirren, kann euch der Vogel verlassen, er fliegt davon.«

Omraam Mikhaël Aïvanhov

Wenn ich euch erzählen würde, wie groß meine Freude und wie beglückt ich an dem Tag war, als ich dem Meister begegnete, ihr würdet es mir nicht glauben! Damals war ich sehr arm und besaß nichts weiter als ein Bett, eine Geige und einige Bücher. Wochenlang verbrachte ich meine Zeit in den Bergen mit Lesen und Meditieren und von Zeit zu Zeit ging ich ein wenig arbeiten, um mir einige Groschen zu verdienen. Und hättet ihr die Schuhe und die Kleider gesehen, die ich trug! Aber ich war glücklich, denn ich fühlte mich reich, sagenhaft reich; reich, weil ich wusste, dass es meinen Meister gab. Ich hatte das Gefühl, dass mein Kopf und mein Herz alle Schätze des Universums enthielten. Einen Meister zu haben, begreift ihr das! Ich wusste, dass ich durch ihn Himmel und Erde besitzen würde, dass ich die mir kostbarsten Wünsche verwirklichen würde.

Es gibt leider nur sehr wenige Menschen, die ein Gespür dafür haben, was ein Meister für die Ausrichtung ihres Schicksals bedeuten kann, ein Gespür dafür, was seine Gegenwart in ihrem Leben alles in Ordnung bringen, verbessern und harmonisieren kann. Einen Meister zu haben, bedeutet ihnen nichts, denn sie wissen, durch ihn wird es mit ihrer Ruhe vorbei sein. Der Meister wird ihnen ihre Mängel aufzeigen und die Gefahren der Wege, die sie oft einschlagen; dann fühlen sie sich natürlich ein wenig gebremst und genau das wollen sie nicht. Und das ist schade, weil sie mit dieser Einstellung geradewegs auf größere Leiden und Beschränkungen zusteuern, als sie zu erdulden hätten, wenn sie auf die Ratschläge eines Meisters hören würden. Ich allerdings, ich habe seit meiner frühesten Jugend gespürt, dass ich einen Meister brauchte, und gerade das hat mich gerettet.

Als ich dem Meister Peter Deunov begegnete, war ich siebzehn Jahre alt und wohnte in Varna am Schwarzen Meer. Und dass ich ihn gerade zu dieser Zeit getroffen habe, lag daran, dass infolge allerlei Intrigen der Klerus der orthodoxen Kirche bei der Regierung erwirkt hatte, dass er Sofia, wo er sich niedergelassen hatte, verlassen musste. Er wurde in die Stadt Varna ins Exil geschickt, in deren Nähe er übrigens geboren war und wo er lange Zeit gewohnt hatte.

Der Meister war der Sohn eines Popen der bulgarischen orthodoxen Kirche. Sein Vater wünschte natürlich, dass er den gleichen Weg einschlüge und auch Pope würde. Aber das hat der Meister abgelehnt. Er kannte zu gut dieses Milieu des Klerus, seine Mentalität, und er wusste, was in ihnen vorging, und davon war er nicht sonderlich begeistert. Er hätte ebenso gut Pastor werden können, denn schon in seiner Jugendzeit hatte er eine protestantische Schule in Bulgarien besucht und danach sein Theologiestudium – sowie ein Medizinstudium – in den Vereinigten Staaten weitergeführt. Obwohl man bei seiner Rückkehr erwartete, dass er ein Amt in der evangelischen Kirche annehmen würde, wies er auch dies zurück. Er spürte, dass er eine andere Berufung hatte.

Als er dann anfing, Vorträge zu halten und einige Schüler um sich zu scharen, stellte sich der Klerus der orthodoxen Kirche dem Meister unverzüglich in den Weg. Warum? Oh, das ist ganz einfach! Zu allen Zeiten und in allen Religionen war der Klerus stets der Ansicht, dass außerhalb der etablierten Kirchen nichts Gutes entstehen könne. Meinetwegen, wenn die Kirchen ihre Aufgabe ordentlich erfüllen würden, hätte man ihnen nichts vorzuwerfen; aber oft machen sie nichts weiter, als die Gläubigen in engen und beschränkten Lebensauffassungen festzuhalten. Denn was verlangt man schließlich von ihnen? Sie sollen glauben, regelmäßig zum Gottesdienst kommen, einige Gebete hersagen, fromme Lieder singen und Moralpredigten anhören, das ist alles! Wie kann die Kirche glauben, dies genüge, um die Menschen umzuwandeln und Gott näher zu bringen? Aber will man sie wirklich umwandeln und Gott näher bringen? Und wie viele gibt es sogar in der Priesterschaft, die tatsächlich ein beispielhaftes Leben führen, in wahrer Übereinstimmung mit den heiligsten Prinzipien ihrer Religion?

Nach und nach wurden die Person und die Aktivitäten des Meisters zu einem richtigen lebenden Vorwurf für die Bischöfe. Er schien ihnen zu sagen: »Wie weit seid ihr doch entfernt von den Wahrheiten des Evangeliums! Wie sehr unterscheidet sich euer Leben von dem, was Jesus gelehrt hat! Ihr müsst euch korrigieren.« Aber anstatt dies zu akzeptieren, beschuldigten sie den Meister, ein Häretiker zu sein, ein falscher Prophet. Hätte er ein völlig mittelmäßiges Leben geführt, dann hätten sie ihn in Ruhe gelassen, er aber wollte auf den Spuren Christi wandeln und so haben sie ihn verfolgt. Nach einiger Zeit haben sich die Bischöfe mit einigen Regierungsmitgliedern zusammengetan, um ihn ins Exil zu schicken. Dieser Schritt der Bischöfe war ein Beweis ihrer Schwäche. Der Meister wurde aufgefordert, Sofia zu verlassen. Er blieb friedlich und begab sich mit einigen Schülern nach Varna. Das war im Jahre 1917.

Zu dieser Zeit bewohnte ich ein Haus, das meinen Eltern gehörte und das sich, ohne dass ich es wusste, nur einige Schritte weit von dem entfernt befand, wo der Meister früher gewohnt hatte, bevor er nach Sofia gegangen war. Ich erinnere mich noch gut daran, das war wirklich die außergewöhnlichste Straße der Stadt auf Grund ihrer starken Abschüssigkeit. Jeden Morgen, wenn ich zur Schule ging, musste ich diesen steilen Weg hinaufgehen, und im Winter war schon große Vorsicht geboten, denn das Eis verwandelte ihn manchmal in eine wahre Rutschbahn. In dieser Straße, die zudem sehr lang war, befand sich die Kirche, in welcher der Vater des Meisters das Amt des Popen innegehabt hatte; so war er in ein Nachbarhaus gezogen, und der Meister hatte dort mehrere Jahre lang gewohnt.

Das Exil des Meisters in Varna wurde für mich zu einem glücklichen Ereignis. Durch diesen Umstand habe ich ihn kennen gelernt, und mein Leben bekam seine endgültige Ausrichtung.

Schon beim ersten Anblick war ich wie geblendet. Sein Gesicht, seine Ausstrahlung, der Frieden, der von ihm ausging, der feierliche Ernst seines Auftretens, die Anmut seiner Gesten, sein Gang, seine Art zu sprechen, sein Blick, sein Lächeln, alles entstammte einer anderen Welt. Sein ganzes Wesen ließ die lange Arbeit der Eingeweihten und der Meister spüren, eine Arbeit voller Geduld, voller Beharrlichkeit, voller Edelmut und Selbstlosigkeit. Eine durch ihre Tiefe, ihren Reichtum und ihre Schönheit unermessliche Welt, das war es, was der Meister mitbrachte.

Was mich dann weiterhin noch sehr beim Meister beeindruckte, das war seine Würde. Aber es dürfte euch schwer fallen zu begreifen, was ich damit meine, denn für viele ist die Würde kein klarer Begriff, sie neigen dazu, sie mit Stolz oder Hochmut zu verwechseln. Die Würde des Meisters, das war sein Bewusstsein der Schätze, die Gott in ihn gelegt hatte, und der Wille, diese unversehrt zu bewahren. Ja, wahre Würde besteht in der Achtung all dessen, was Gott uns gegeben hat, zunächst einmal für unseren physischen Körper, aber auch für unser Herz, unseren Intellekt, unsere Seele und unseren Geist. Wie oft habe ich bemerkt, wie der Meister sich gegen jegliche körperliche oder seelische Beschmutzung abschirmte. Man spürte, dass er beständig darauf achtete, seine inneren Reichtümer zu erhalten, um sie eines Tages dem Schöpfer in noch größerer Fülle und größerem Glanz zurückgeben zu können.

Und diese Würde, diese Selbstachtung wollte er auch seinen Schülern vermitteln, indem er ihnen bewusst machte, dass sie Tempel, Heiligtümer des Ewigen sind, wo nur reine Nahrung, reine Gedanken, reine Worte und reine Empfindungen hinein- und herausdürfen. Alle diejenigen, die nicht darauf aufpassen, was in sie hineingelangt oder aus ihnen herauskommt, die sich hinreißen lassen, um irgendetwas zu machen, sich mit irgendetwas zu beschäftigen, ganz gleich, was zu sagen oder zu denken, die können sich ihrer wahren Menschenwürde nicht bewusst werden.

Was ich euch nun erzählen werde, hat sich in Varna zugetragen, in der Anfangszeit meiner Bekanntschaft mit dem Meister, als ich ihm einen Besuch abstattete. Es war während des Balkankrieges. An jenem Abend hatten wir viel miteinander gesprochen, und ich war recht spät dran. Die Zeit der nächtlichen Ausgangssperre war längst erreicht. An einer Straßenecke lief ich plötzlich zwei berittenen Wachleuten in die Arme, die mich aufhielten und fragten: »Wohin wollen Sie denn noch so spät?« – »Ich geh‘ nach Hause.« – »So, so, dann kommen Sie erst mal mit.« Ich musste mitgehen. Dabei dachte ich an den Meister und war so glücklich über unsere Unterhaltung, dass es mir völlig gleich war, ob ich die Nacht im Gefängnis verbringen würde… Auf einmal, ganz ohne Grund, änderten die Wachleute ihr Verhalten und sagten: »Gut, gehen Sie zu! Gehen Sie nach Hause. Wir begleiten Sie noch ein Stück, damit Sie nicht von der nächsten Wache angehalten werden; aber lassen Sie sich nicht einfallen, wieder um diese Uhrzeit auf die Straße zu gehen.« Ich war sehr froh über ihr Einlenken, und am folgenden Tag hatte ich den Zwischenfall bereits vergessen.

Einige Tage darauf ging ich wieder zum Meister. Er empfing mich lächelnd und meinte: »Wie ist es ausgegangen neulich abends? Die Wachleute waren freundlich, nicht wahr?« – »Was, Sie wissen, was passiert ist, Meister? Was haben Sie gemacht?« – »Ich habe den Wachleuten gesagt: Lasst ihn in Frieden heimgehen, er ist ein guter Schüler.« Nach diesem Zwischenfall habe ich begriffen, wie sehr es für den Meister, der hellsehen konnte, ein Leichtes war, so im Unsichtbaren zu sprechen. Alle, die sich hinsichtlich der Realität der Gedanken Fragen stellen, ob diese sich wohl frei im Raum bewegen können und ob das menschliche Gehirn sie auffangen kann, werden über diese Tatsachen nachdenken. Der Meister hatte den Wachleuten gesagt: »Das ist ein guter Schüler, lasst ihn«, und ihre Seelen waren gehorsam, denn der Aufruf eines Meisters ist ein Befehl.

Manchmal, wenn wir miteinander sprachen, betrachtete der Meister den Himmel und beobachtete die von den Wolken gebildeten Figuren. »Mikhaël«, sagte er zu mir, »heute Nachmittag werden drei Leute aus Sofia zu mir kommen.« – »Woran sehen Sie das, Meister?« – »Die Wolken kündigen es mir an«, antwortete er, »sie benachrichtigen mich.« In welcher Sprache sie das taten, das weiß ich nicht, aber durch den Meister habe ich viel zu diesem Thema gelernt. Er hat mir auch erklärt, dass die Wolken, die man über einer Stadt sieht, die Gesinnung ihrer Bewohner erkennen lassen.

Zu einer bestimmten Zeit wohnte ich mit einem meiner Freunde zusammen. Als ich eines Tages nach Hause kam, sagte mir mein Freund, dass ein Dieb bei uns eingedrungen war und etliche Sachen hatte mitgehen lassen, unter anderem einen Radioapparat und eine Uhr, die mir gehörten. Ich hatte den Meister sagen hören, dass uns oft deshalb Diebe Dinge entwenden, weil sie uns aus irgendwelchen Gründen nicht wirklich gehören. So antwortete ich meinem Freund: »Wenn das wirklich unsere Sachen sind, dann werden wir sie zurückbekommen; wenn wir sie nicht zurückbekommen, dann gehören sie uns nicht, wir brauchen uns also nicht zu beklagen.« Mein Freund war sehr intelligent, aber vor allem auch sehr praktisch veranlagt. Er fand meine Scherze ein wenig fehl am Platze und zog es vor, bei der Polizei Anzeige zu erstatten, wobei er seinen und meinen Namen angab.

Zwei Tage später wurde ich ins Kommissariat vorgeladen. Ich ging hin, und als der Kommissar mich sah, sagte er: »Sie sind ein Schüler von Herrn Deunov, nicht wahr?« – »Ja, woher wissen Sie das?« – »Das sehe ich Ihrem Gesicht an.« – »Sie kennen also den Meister?« – »Ja, ich kenne ihn und ich werde Ihnen erzählen woher.« Und er begann, wobei er den Dieb völlig vergaß: »Welch ein Glück für Sie, einen solchen Meister zu haben! Warum ich das denke? Also, während des Krieges war ich an der mazedonischen Front. Mein Vater war damals Gouverneur von Varna. Zu der Zeit war es äußerst schwierig, Briefe zur Front zu schicken oder von dort zu erhalten, und mein Vater, der ohne Nachricht von mir war, machte sich Sorgen. Als er erfuhr, dass Ihr Meister sich in Varna aufhielt, ging er zu ihm mit der Frage, ob er ihm sagen könne, wo ich mich befand. Der Meister schloss einen Moment lang die Augen, um mich zu suchen und antwortete dann: »In diesem Augenblick befindet sich Ihr Sohn mit Kameraden in einem Wald; sie verstecken sich, weil Flugzeuge das Gehölz überfliegen und Bomben abwerfen, und sie haben Angst, weil dieser Platz sehr den Angriffen ausgesetzt ist. Wasser fließt auch in ihrer Nähe. Jetzt fällt eine Bombe dort, wo sie sich versteckt halten… Ihr Sohn ist verwundet, aber nicht tödlich getroffen. Seien Sie ohne Sorge, er wird gerettet werden. Ich kann Ihnen versichern, dass er nicht sterben und bald nach Varna zurückkehren wird. Holen Sie ihn an folgendem Datum vom Bahnhof ab (der Meister gab Tag und Stunde genau an), er wird an dem Tag ankommen und einen Fisch mitbringen.« Mein Vater war tief gerührt und ging beruhigt heim. An dem Tag, den der Meister angegeben hatte, erwartete er mich mit Freunden am Bahnhof und sah mich zu seiner großen Freude ankommen – mit einem Fisch!

Mein Vater, der auch wusste, dass der Meister Phrenologe war und an der Schädelform die Veranlagung eines Menschen ablesen konnte, brachte mich später einmal zu ihm hin, um meinen Kopf in Augenschein nehmen zu lassen; ich erinnere mich aber nicht mehr daran, was er dazu sagte, denn damals war ich noch recht unbekümmert und nicht in der Lage, die Worte Ihres Meisters zu begreifen…«

Nach diesem Bericht bat mich der Kommissar um nähere Angaben zu dem an mir und meinem Freund begangenen Diebstahl. Er versprach mir, sein Möglichstes zu tun, um den Dieb aufzuspüren, und so ging ich nach Hause. Mir lag vor allem daran, meine Uhr wiederzubekommen und zwar aus folgendem Grund: Es handelte sich um eine silberne Uhr, die mindestens fünfzig Jahre alt war, sie hatte meinem Vater gehört und war außerdem deshalb von besonderem Wert, da sie die jeweilige Planetenstunde anzeigte. Ich hatte dieses astrologische Zifferblatt auf Grund entsprechender Berechnungen selbst angefertigt, und es genügte, einen Blick darauf zu werfen, um den jeweiligen Planeteneinfluss zu kennen. Darum wollte ich meine Uhr gern wiederhaben. Und ich habe sie wiederbekommen. Der Dieb war ein armer junger Mann. Ich habe versucht mit ihm zu reden, um sein Herz zu berühren, und dann habe ich den Kommissar gebeten, nicht zu hart mit ihm zu sein; ich sagte dem Kommissar, dass er ein Opfer der sozialen Verhältnisse, dass er arm und hungrig gewesen sei. Meine Argumente erschienen ihm nicht gerade überzeugend, aber vielleicht auf Grund seiner Sympathie für mich, vielleicht, weil ich ein Schüler des Meisters war, versprach er mir, nicht zu streng zu sein. Als ich nach Hause kam, sagte ich zu meinem Freund: »Siehst Du, die unsichtbare Polizei arbeitet tüchtig: Sie hat herausgefunden, dass diese Sachen uns gehören und dass der Diebstahl ein Irrtum war.« Vor Freude fiel er mir um den Hals. Ich muss dazu sagen, dass ihm weitaus mehr Dinge abhanden gekommen waren.

Einige Jahre später habe ich einen hervorragenden Schriftsteller kennen gelernt, der mich bat: »Erzählen Sie mir von Ihrem Meister. Ich kenne ihn, er muss jetzt schon sehr alt sein, erzählen Sie mir, was er macht. Als ich noch im Gymnasium war, bin ich mit einem Kameraden zu ihm gegangen, denn wir hatten gehört, er sei ein großer Phrenologe, und wir wollten etwas über unsere Zukunft erfahren. Er schaute uns lächelnd an und sagte dann zu mir: »Sie haben eine zarte Gesundheit, aber Sie werden ein großer Schriftsteller.« Damals hat mich das sehr erstaunt, denn ich wollte Händler werden und verspürte nicht im Geringsten den Hang zum Schreiben. Zu meinem Kameraden hingegen, der Schriftsteller werden wollte, sagte er, dass er später Handel treiben würde, was diesen natürlich etwas verdross. Alle von ihm gemachten Voraussagen sind eingetroffen. Überbringen Sie Ihrem Meister meine ehrerbietigsten Grüße, ich habe große Achtung vor ihm.«

Und es stimmt, dass der Meister ein einzigartiger Phrenologe war. Bevor er sich seiner Lehraufgabe widmete, hatte er jahrelang die Städte und Dörfer Bulgariens durchstreift, um die Köpfe aller möglichen Leute zu erforschen und zu messen. Er hatte sogar phrenologische Studien über den Klerus gemacht! Außerdem besaß er die Gabe, die Menschen zu durchschauen, ihren Entwicklungsgrad zu erkennen, zu sehen, bis wohin sie gekommen waren und was aus ihnen werden würde. Ja, das war eine Gabe von ihm, oft hat er mir den Beweis geliefert. Und gleichzeitig war er ein guter Beobachter. Seine Gewohnheit, die Leute um ihn herum, und insbesondere natürlich seine Schüler zu beobachten, ist mir gleich aufgefallen. Das machte er allerdings sehr diskret, denn er wollte niemanden durch einen aufdringlichen Blick in Verlegenheit bringen. Wenn man seinem Blick überraschend begegnete, wendete er sich sogleich ab, als interessierte er sich für etwas anderes; war er jedoch der Ansicht, dass man nicht gewahr wurde, beobachtet zu werden, so spürte man seinen Blick sehr tief in sich eindringen.

Wenn ich bei ihm zu Besuch war und er mich dann zur Tür begleitete, drehte ich mich beim Fortgehen für einen letzten Gruß zu ihm um: Er stand da, sah mich an und ich spürte an seinen Augen, dass er mich noch eingehend erforschte. Er achtete darauf, wie ich ging. Vielleicht wollte er herausfinden, welche Wirkung unser Gespräch und seine Worte auf mich gemacht hatten, denn der Gang ist immer sehr aufschlussreich bezüglich des inneren Zustands.

Als ich begriff, welche Bedeutung der Meister der Beobachtung der Menschen beimaß, habe auch ich begonnen, sie zu beobachten. Viele meinen, um die Menschen kennen zu lernen, müsse man ihnen Fragen stellen und sie reden hören. Sicher ist etwas Wahres daran, aber es ist noch weitaus wahrer, dass die Worte oft dazu dienen, sich zu tarnen, zu täuschen und sich vor den anderen vorteilhaft darzustellen. Was tatsächlich sehr viel mehr aussagt als das Wort, das sind eine Menge kleiner Details in den Gesten, in der Mimik, im Verhalten und in der Physiognomie ganz allgemein. Da die meisten Leute aber nicht beobachten können, bemerken sie auch nichts bei den anderen, und darum kennen sie sie auch so schlecht. Was Meister Peter Deunov betrifft, so war er ein außergewöhnlicher Beobachter.

Aber das Bemerkenswerteste beim Meister, was ihn zu einem ganz besonderen Menschen machte, das war das spirituelle Leben, das von ihm ausging, und das, Lichtstrahlen gleich, uns durchdrang. Denn die Strahlung, die ein Mensch durch ein intensives, spirituelles Leben erzeugt, ist etwas Lebendiges, eine von sehr reinen Wesen bewohnte Welt, die alle, die sich ihr nähern, erfüllt und auf sie einwirkt.

Viele meinen, das Wesentliche eines Meisters sei das Wort, die Weisheit, die er vermittelt, und wenn er nichts sagt, so würden sie nichts lernen. Nun, das ist ein Irrtum: Selbst wenn er nicht spricht, vermittelt euch die Strahlung, die von ihm ausgeht, etwas von seinem Licht und seiner Kraft. Bewusst oder unbewusst nehmt ihr diese feinen Partikel auf. Aber natürlich wird eure eigene innere Arbeit leichter vonstatten gehen, wenn ihr euch dessen bewusst seid. Das habe ich beim Meister begriffen. Das Wichtigste, das war nicht die Lehre, die er uns durch das Wort vermittelte. Das Wichtigste, das war die intensive Schwingung seines Geistes, die uns erfüllte.

Auf diese Weise arbeitet ein wahrer Meister an seinen Schülern: Es genügt nicht, dass er sie dahin führt, seine Vorstellungen und Ansichten zu teilen, er überträgt ihnen die Quintessenz seiner Seele und seines Geistes. Nach einigen Jahren ist die Seelensubstanz des Schülers durchdrungen, durchwirkt von der Quintessenz seines Meisters, und auf diese Weise gleicht er sich diesem nach und nach an. Ein Meister, das ist eine Quelle; ein Meister, das ist ein See; ein Meister, das ist ein Baum; ein Meister, das ist eine Frucht; ein Meister, das ist Brot; ein Meister, das ist Sonne. Und darum ernährt sich ein Schüler bei seinem Meister, er stillt seinen Durst, er läutert sich und wird licht. Als ich das begriff, war das eine große Bereicherung für mich. Natürlich habe ich es nicht gleich begriffen, dazu war ich zu jung. Aber einige Jahre später, als mir wirklich klar wurde, was die Gegenwart des Meisters bedeutete, bemühte ich mich, die Zeit, die ich mit ihm verbrachte, bewusster zu erleben und auch einige Erfahrungen, deren Wert ich damals nicht gleich erkannt hatte, im Geiste noch einmal zu durchleben. […]

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